kurze Durchsage: Die Grünen und ein Schiffsbrand im Hamburger Hafen

kurze Durchsage: Die Grünen und ein Schiffsbrand im Hamburger Hafen

Auf Anfrage des Grünen Abgeordneten [sic] Anjes Tjarks hat der Senat mitgeteilt, dass sich an Bord des am 1. und 2. Mai im Hamburger Hafen ausgebrannten Frachters „Atlantic Cartier“ über 20 Tonnen radioaktives Material befanden, davon 8,9 Tonnen hochgefährliches Uranhexafluorid. Außerdem befanden sich 3,8 Tonnen Munition an Bord des Frachters.

Dass nebenan der Eröffnungsgottesdienst des Kirchentags mit mehreren Zehntausend Menschen stattfand, ist ein nettes Detail – auch, dass das Kohlendioxid zum Löschen anscheinend nicht verfügbar war. Fast 16 Stunden lang wurde gelöscht.

Insgesamt waren 296 Feuerwehrleute im Einsatz. Darüber hinaus waren zwei Löschboote, drei Schlepper und drei Polizeiboote sowie an Land 76 Fahrzeuge im Einsatz. Für die Ablösung wurden zusätzlich 17 Fahrzeuge eingesetzt. An Bord kam ein Löschroboter zum Einsatz.

Hamburg wäre wohl nicht mehr bewohnbar gewesen, wenn die Sprengkraft der Munition das radioaktive Material verteilt hätte. Die Grünen schreiben dazu auf ihrem Blog:

Uranhexafluorid wird verwendet, um Uran235 von Uran238 zu trennen. Aus Uran235 werden Brennelemente für Atomkraftwerke oder Nuklearmaterial für Atombomben hergestellt. Uranhexafluorid ist ein Gammastrahler und hochgiftig. Aufgrund der Uran-Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren bleibt ein einmal verstrahltes Gebiet dauerhaft kontaminiert. Bei Kontakt mit Wasser bildet Uranhexafluorid Flusssäure, ein farbloses Gas mit einem stechenden Geruch. Flusssäure ist noch ätzender als Salzsäure und hoch giftig.

Die Kommentatoren unter dem Beitrag der Grünen weisen auf einige Fehler im Artikel hin – bedeutend sind vor allem:

Uran ist kein Gamma- sondern vorwiegend ein Alphastrahler, die radiologischen Gefahren sind im Vergleich zu den chemischen also eher gering. […]

Uranhexafluorid (UF6) ist in erster Linie für Organismen sehr gefährlich wegen des Wasserstofffluorids (HF; in Verbindung mit Wasser als Flußsäure bekannt) das sich bei Kontakt mit Wasser bildet, da dieses nicht nur sehr korrosiv ist, sondern sich auch leicht an Kalzium bindet. So kann es neben Augen und Lunge auch Nerven und Knochen schädigen. Besonders perfide daran ist, dass HF sehr leicht durch Gewebe diffundiert, also der bloße Kontakt damit schon zu schweren Symptomen führen kann. Zusätzlich ensteht bei der Reaktion mit Wasser ausserdem Uranylfluorid, welches relativ gut vom Körper aufgenommen wird und in der Leber zu (vorwiegend chemisch bedingten) Schäden führen kann.

– AngryCitizen (nicht überprüft) am 17.05.2013 – 01:54

Es wären also nicht die Strahlenschäden gewesen, die den Menschen geschadet hätten – sondern sie wären vergiftet worden.

„Flusssäure ist noch ätzender als Salzsäure..“

Bitte nochmal nachrecherchieren. HF besitzt eine deutlich geringere Säurestärke als HCl.

Die Gefährlichkeit resultiert aus ganz anderen Eigenschaften (u.A. der Calciumfällung im Gewebe).

– Informant (nicht überprüft) am 17.05.2013 – 07:47

Das wird auch hier noch einmal bestätigt:

„Bei Kontakt mit Wasser bildet Uranhexafluorid Flusssäure, ein farbloses Gas mit einem stechenden Geruch. Flusssäure ist noch ätzender als Salzsäure und hoch giftig.“

Stimmt so nicht, bei Kontakt mit Wasser zersetzt es sich zwar (http://de.wikipedia.org/wiki/­Uranhexafluorid), aber bei den Bedingungen(Löschaktion/Meer) ist reichlich Wasser vorhanden. Der so gebildete Fluorwasserstoff(gasförmig) sollte sofort in Lösung gehen und Flusssäure(flüssig, nicht wie im Text „gasförmig“) bilden, diese ist übrigens bezogen auf die Säurestärke eine schwächere Säure (http://de.wikipedia.org/wiki/Fluss­s%C3%A4ure) als die anderen Halogenwasserstoffsäuren. Somit ist diese Säure keinesfalls ätzender als Salzsäure, wohl aber viel gefährlicher, da sie sehr gut durch die Haut dringen kann und dort Calciumionen fällt, die wiederum essentiell sind.

– student (nicht überprüft) am 17.05.2013 – 09:14

Auch dass die angegebene Halbwertszeit des Isotops im Artikel der Grünen nicht stimmt, ist unschön, macht die Sache aber nicht ungefährlicher:

Aber das mit den 4,5 Milliarden Jahren – den Satz solltet ihr besser streichen. Das gilt nämlich nur für das Uran 238. Das spaltbare ist das Uran 235 – mit einer Halbwertszeit von 703 Millionen Jahren.

Selbst das ist eigentlich noch viel zu viel um wirklich gefährlich zu sein – die gesundheitlichen Auswirkungen durch das hexafluorid wären wahrscheinlich gefährlicher. Einen noch nicht benutzten Brennstab für ein KKW kann man ohne Probleme anfassen – die Strahlendosis wäre ertragbar.

Wichtiger wäre die Info, ob das Zeug aus benutzten Brennstäben kam – dann wiederum lässt es sich nicht vermeiden, dass es mit durchaus gefährlichen anderen Elementen verunreinigt wäre.  Lesetipp:https://de.wiki­pedia.org/wiki/Uran-Actinium-Reihe

Dann ist das Zeug wiederum hochgefährlich.

– Philipp (nicht überprüft) am 17.05.2013 – 09:10

Aus der Wikipedia sei der folgende Abschnitt zu den gesundheitlichen Gefahren von Uranhexafluorid empfohlen:

Uranhexafluorid wirkt hauptsächlich auf drei verschiedene Weisen auf den menschlichen Körper:[65]
Es ist eine sehr aggressive Substanz, die jedes Gewebe angreift. Beim Kontakt des Gases mit Körperflüssigkeiten bildet sich Flusssäure, die auf der Haut und den Schleimhäuten der Atemwege Verätzungen hervorruft. Die Exposition des Menschen gegenüber dem Gas wirkt sich zunächst auf die Augen und Atemwege aus und verursacht Reizungen, Verlust des Sehvermögens, Husten und übermäßige Bildung von Speichel und Auswurf. Nach längerer Exposition führt dies zu Pneumonitis und Lungen­ödemen und kann zum Tod führen.
Es ist – wie alle sechswertigen Uranverbindungen – sehr giftig beim Einatmen und Verschlucken. Außerdem besteht die Gefahr der Anreicherung im menschlichen Körper, was vor allem die Leber und die Nieren betrifft.
Wie alle Uranverbindungen ist es radioaktiv. Die Aktivität ist von der Isotopenzusammensetzung des Urans abhängig. 238U hat eine Halbwertszeit von 4,468 Milliarden Jahren und ist wie die anderen natürlichen Isotope (234U und 235U) ein α-Strahler. Die spezifische Aktivität von 238U beträgt 12.450 Bq/g. 235U hat eine Halbwertszeit von 703,8 Millionen Jahren. Es ist spaltbar und hat einen Anteil von etwa 0,7 % in natürlichem Uranvorkommen. Angereichertes Uranhexafluorid ist aufgrund der niedrigeren Halbwertszeit deutlich aktiver.
Für die Arbeiter in der Anlage in Paducah liegen Studien zur Mortalität im Rahmen einer retrospektiven Untersuchung zur gesundheitlichen Belastung und zu Suizidrisiken vor.[66][67]

Ein Gedanke zu „kurze Durchsage: Die Grünen und ein Schiffsbrand im Hamburger Hafen

  1. Es ist ja leider oft so, dass die Genauigkeit der Berichterstattung je mehr sinkt, je oefter das Wort „Atom“ faellt. Um keinen brennenden Chemietfrachter waere so ein Aufstand gemacht worden…

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