Sexismus heute: von der Leyen – die „Mutti der Kompanie“

Aus aktuellem Anlass möchte ich heute die lange angedachte Kategorie Sexismus heute (Arbeitstitel) ins Leben rufen:

Wieso höre ich eigentlich in den vergangenen Tagen nur Zweifel an von der Leyen und der Bewältigung ihrer neuen Aufgaben? Wieso höre ich Radiomoderatorinnen immer und immer wieder, wie sie das elende „Mutti“-Gewäsch von sich geben? Frauen, die eine erfahrene Ministerin in eine absolut dämliche Schublade stecken, die selbst durch die Sexismus-Brille nun wahrlich nicht mehr zum neuen Ministerium passt. Irgendwie bekomme ich immer häufiger das Gefühl, wir brauchen einen Begriff für Sexismus gegen das eigene Geschlecht: Segoismus vielleicht.

Ich kann mich nicht erinnern, dass an Ramsauer und Friedrich bei der letzten Regierungsbildung medial derart rumgenölt worden wäre – und die waren absehbar unfähig, wofür es nach der jetzt endlich fertigen Regierung Belege gibt und worunter wir alle leiden. Gröhe im Gesundheitsministerium, darüber sollten wir mal sprechen. Stattdessen haben wir ja jetzt ne Soldaten-Mutti und ne Mutti der Nation… ja, ist das toll… Himmel, Arsch und Zwirn… Ich frage mich, warum Pofalla gehen lassen – wenn dann Dobrindt als Verkehrsminister kommt? Ein Verkehrsminister, der auch fürs Internet zuständig sein wird… Rationiert er dann auch bald Verhütungsmittel? Hat ja alles irgendwie mit Verkehr zu tun. Ich verliere mich…

Wenn ich mir das ZDF-Interview mit von der Leyen anschaue, stelle ich fest: Sie scheint mit Abstand die beste Besetzung des Kabinetts zu sein. Sie blickt von ihrer Warte aus realistisch auf ihre Aufgaben und Möglichkeiten. Ich würde mir mehr Selbstzweifel und weniger dickes Ego auch von Friedrich, Seehofer, Gabriel und Co wünschen. Die Herren spielen definitiv nicht in ihrer Coolness-Liga. Ich denke nicht, dass Friedrich sich jemals wirklich eingearbeitet hat in Sachen NSA, BND und Ähnliches. Warum hängen sich die Medien – in diesem Fall Kleber im Namen des ZDF – so an von der Leyen auf? Kein Minister hat (auch nur die geringste) Ahnung von Tuten und Blasen im jeweiligen Haus. Greifen wir zufällig ein Los heraus: Ramsauer ist gelernter Müller – hat dann noch ein bisschen Wirtschaft an der LMU draufgelegt… Ganz klar, perfekte fachliche Voraussetzungen für seine wahrgenommenen Posten. Friedrich ist Jurist, hat auch ein bisschen Wirtschaft draufgesattelt – aber hey, er hat gedient – WOW, ab ins Innenministerium. Und bei de Maizière weiß ich nicht, ob ich seine persönliche und Familiengeschichte mit und in der Bundeswehr als Qualifikation für seine Ämter auf die plus- oder auf die minus-Seite stellen soll. Wird man durch Zugehörigkeit und einen Vater, der Generalinspekteur der Bundeswehr war, wirklich zu einem besseren Verteidigungsminister oder trüben derartige Verquickungen nicht eher den objektiven Blick? Eine rational denkende Frau mit analytischen Fähigkeiten wird der Bundeswehr sicher nicht schaden.

Nun noch ein paar weihnachtliche Gender-Verbrechen und bis zum nächsten Mal bei Sexismus heute.

Update 18.12.2013 – 13.24 Uhr:

Leseempfehlung:

Wer die Personalie von der Leyen auf die Geschlechterfrage reduziert, begeht jedoch einen entscheidenden Fehler, der vom Grundsätzlichen ablenkt. Die Personalie von der Leyen ist keine „Geschlechterfrage“, sondern vielmehr eine „Klassenfrage“. Ohne ihre Herkunft aus der Oberschicht wäre Frau von der Leyen heute mit Sicherheit keine Ministerin. Und ob ein Mann oder eine Frau als Vertreter der Oberschicht Männer und Frauen der unteren Schichten für die Interessen der Oberschicht in den Tod schickt, sollte eigentlich Grundlage einer weiterführenden Diskussion sein. – Jens Berger, „Der Kuss der Patin – Irrungen und Wirrungen um Ursula von der Leyen“ auf nachdenkseiten.de

Ich möchte nochmal betonen, dass ich mich gerade genau daran störe, die Diskussion auf ihr Geschlecht zu reduzieren. Ganz generell sollte diskutiert werden, wer mit welchen Kompetenzen, was in unserem Land steuert. Egal, ob Frau oder Mann.

Gabriel, Slomka und die wichtigen Fragen

Wenn Medien diskutieren… Sigmar Gabriel im Interview mit Marietta Slomka. [Der Clip hier auch auf YouTube]

Seit der Ausstrahlung des oben verlinkten Interviews spricht ein Großteil deutscher Medien und Journalisten mal wieder über sich statt über Themen.

Vor welcher Problematik steht die deutsche Bevölkerung? Davor, bald eine marginalisierte Opposition im Parlament vorzufinden, die viele parlamentarische Kontrollwerkzeuge aufgrund der Mehrheitsverhältnisse nicht mehr wird nutzen können.

Welche Fragen stellen sich? Ist dabei die bedeutendste, ob die SPD-Basis einer solchen Regierung zustimmt oder, ob das die SPD-Oberen unter sich ausmachen?

Interessant wäre doch gewesen, was der Sozial-Demokrat Gabriel dazu sagt, dass die parlamentarische Opposition zum Zugucken verdammt sein wird.

Dass zusätzlich auch noch technische Probleme (Latenz) dazu führen, dass sich die beiden ins Wort fallen müssen, hilft der Situation nicht gerade.

Wir brauchen mehr scharfe Interviews und hartnäckiges Nachfragen: aber bitte auch mit den richtigen und wichtigen Fragen. Da stellen sich schließlich einige, wenn SPD und CDU zusammenfinden: Vorratsdatenspeicherung und andere Überwachung aller Bürger, Sozial-, Energie- und Umweltpolitik, …

Gute Arbeit darf gelobt werden – sie muss aber (besonders im Journalismus auf diesem Niveau) gleichzeitig selbstverständlich sein.

Andere Meinungen:
taz – Uli Hannemann – „Paranoid, enttäuscht, hilflos“

Diskussion auf Facebook bei Sandra Müller

Update 2.12.2013, 10:35:

Sandra Müller hat mir daraufhin auf Facebook geantwortet:

Da ist was dran. Aber es verkennt natürlich den Anlass konkret DIESES Interviews.

Es wurde nicht geführt nach der Unterzeichnung des Vertrags und als Interview, das die Inhalte dieses Vertrags erläutert.

Es wurde am Abend des ersten SPD-Termins bei der Partei-Basis vor Ort geführt, um das bundesdeutsche Novum „ein Koalitionspartner lässt seine Parteimitglieder über die Annahme des Vertrags abstimmen“ zu beleuchten.

Man kann das trotzdem für falsch halten. Aber tagesaktueller Journalismus ist natürlich nie/selten allgemeingültig, umfassend, erschöpfend. Und Slomkas Zuspitzung war in jedem Fall gängige journalistische (und weitgehend akzeptierte) Praxis. – Sandra Müller auf Facebook

Meine Replik (Nimmt auch Bezug auf das von Sandra Müller verlinkte Statement Friedrich Küppersbuschs auf radioeins und ist mit beeinflusst durch die Diskussion heute Morgen in der Kommunikations-Wissenschafts-Vorlesung bei Klaus-Dieter Altmeppen.):

Aber worüber diskutieren wir dann? Über eine Journalistin, die ihren Beruf ausübt? Es ist doch genau, wie Küppersbusch sagt: a) Grund-Regeln für Interviews, daher b) erstaunlich ist das Interview nicht, sondern c) journalistisches Handwerk. Welches aber wohl dennoch so selten vorkommt, dass es auffällt.

Sicher, der Aufhänger war dir SPD-Basis-Veranstaltung, aber was bleibt dann inhaltlich? Gabriel sieht keine verfassungsrechtlichen Probleme. Und da habe ich ja schon kommentiert, hätte es andere Themen und Anknüpfungspunkte: „Vom Florett zum Degen“ ist ja genau das: 7 Minuten trägt die Verfassungsproblematik nicht.

Es bleiben dann nur noch die medienpolitischen Fragen, um die es ja eigentlich ursprünglich auch nicht ging. Nämlich: Warum kann ein Politiker keine kritischen Fragen ertragen und reagiert unprofessionell? Aber dann müssten wir hier wohl mindestens so viel über Seehofer wie Gabriel diskutieren. Denn der überschreitet ja ganz eindeutig seine Kompetenzen in diesem Fall. – ich auf Facebook

CDU regiert alleine – so oder so

Dass es für eine absolute Mehrheit der CDU im Bundestag nicht gereicht hat, ist inzwischen klar. Doch was nun?

Für Angela Merkel ist die aktuelle Lage der CDU ein Traum – trotz verpasster absoluter Mehrheit. Sie ist nun nicht mehr an die krisengeplagte FDP gebunden. Sie ist aber eben auch nicht gezwungen, nun das Land alleine zu regieren, also erstmals die volle Verantwortung für ihre Taten oder eben ihre Nicht-Taten zu übernehmen. Stillstand, Erosion der Bürgerrechte und Lobby-Politik wären in einer Alleinregierung nicht mehr auf einen Koalitionspartner abwälzbar.

Rot-Rot-Grün

Die einzige Koalition, die die CDU vom Regieren abhalten könnte, ist von Rot und Grün bereits im Vorfeld vehement ausgeschlossen worden. Einzig der ganz rote Gregor Gysi versucht, wo immer er kann, für diese Variante zu werben. Doch was wollen die Wähler? Haben sie wirklich so viel Angst vor den Linken? Und was ist politisch glaubwürdiger: Eine Koalition dreier Parteien aus dem linken Spektrum oder eine schwarze Macht mit bunten Sprenkeln?

Schwarz-rote große Koalition oder schwarz-grünes Greenwashing

Während sich die drei „Kleinen“ also überhaupt nicht rot-rot-grün sind, lacht sich Merkel nun in ihre Raute. Geht sie mit der SPD eine große Koalition ein, schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie lässt den Bundestag verstummen – vier Jahre ohne Opposition* zu regieren, das passt genau zu ihrem Stil. Außerdem bringt sie damit auch den Bundesrat unter Kontrolle: Wer sollte sie in dieser Konstellation noch stoppen können? Was eine große Koalition für die nächste Bundestagswahl bedeuten kann, haben wir ja bereits gesehen: Die CDU wird gestärkt, die SPD geschwächt daraus hervorgehen. 2017 wird es für die CDU dann in jedem Fall alleine reichen.

Bleibt die SPD stark genug, „Nein“ zu einer Koalition zu sagen, stehen die Grünen schon in den Startlöchern. Winfried Kretschmann ist nicht der einzige, der dies signalisiert. Doch wie würden sich die kommenden vier Jahre wohl mit einer schwarz-grünen Regierung abspielen? Merkel würde die Grünen mit ein bis zwei Ministerien abspeisen: mit Glück Umwelt und Bildung. Die Grünen könnten bei Weitem nicht ihre Ziele durchsetzen und Merkel hätte einen „Abwälz“-Partner, den sie nach den vier Jahren abfallen lassen wird wie eine vereiste Warze. Die Grünen würden für ihre Stammwählerschaft unwählbar und wären für Jahre aus dem politischen Weg der CDU geräumt.

Beide Koalitionen helfen der CDU also nicht nur während der bevorstehenden Legislaturperiode, sondern wirken auch noch darüber hinaus.

Doch es gibt einen Ausweg

Gesetzt den Fall, Katrin Göring-Eckardt, Jürgen Trittin, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und all die anderen sind stark genug, auf die Macht zu verzichten und ihre Wähler nicht als Idioten zu verkaufen, könnten sie sich dazu durchringen, eine CDU-CSU-Minderheitsregierung zu dulden.

Damit zwängen sie die CDU erstmals dazu, alleine die volle politische Verantwortung zu übernehmen. Eine rot-rot-grüne Opposition wäre im Bundestag und Bundesrat ein sinnvolles Korrektiv und könnte dennoch Gesetze auf den Weg bringen, die die CDU dann gezwungener Maßen vorlegen müsste.


*Eine Opposition mit weniger als einem Viertel der Sitze hat weitreichende Folgen für das Parlament:

Die parlamentarische Sicht: Der Bundestag wird aus 630 Abgeordneten bestehen. Die Union wird 311 stellen, die SPD 192, DIE LINKE 64 und die Grünen 63. Union und SPD zusammen würden 503 Abgeordnete stellen, dass sind 79,84%. Grüne und LINKE stellen zusammen 127 Abgeordnete, dass sind 20,15%. Ein Blick in die Geschäftsordnung des Bundestages macht schlauer: § 56 Abs. 1 S. 2 GOBT – auf Antrag eines Viertels der Mitglieder des Bundestages kann eine Enquete eingerichtet werden. Nun gut, mag der eine/die andere denken, nicht so schlimm. Aber dann schauen wir mal in das PUAG: Erst wenn ein Viertel der Mitglieder des Bundestages einen Untersuchungsausschuss fordern besteht auch die Pflicht diesen einzusetzen (§ 1 Abs. 1). Ganz am Rande (§ 76 BVerfGG Abs. 1 und Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG), aber nicht ganz unwichtig, sei noch darauf verwiesen dass der Gang zum Verfassungsgericht außerhalb einer Organklage (dies meint die Verletzung eigener Rechte der Fraktion) durch Grüne und LINKE allein nicht möglich ist. Sie stellen nicht ein Viertel des Bundestages.

– Halina Wawzyniak, Die Linke, auf ihrem Blog

kurze Durchsage: Fußball-Europameisterschaft der Frauen

Berichterstattung zu vielen Themen scheint sich zu drehen, sobald wichtige Akteure und Figuren Frauen sind. Woran liegt es, dass Medienschaffende gedanklich in die 50er rutschen – egal, ob Politik, Kultur oder eben Sport Thema sind?

Warum werden solche Werbespots gedreht? Sagen die Mitarbeiterinnen dazu nichts? Werden sie so unterdrückt, dass ihre Stimmen verhallen?

Seit fast dreißig Jahren findet die Frauenfußball-EM statt, da hätten auch die verkrustetsten Machos sich mal dran gewöhnen können.

Getoppt wird das allerdings von dieser Bildergalerie bei SWR3 (Der Beitrag wurde unter dem Namen einer Redakteurin veröffentlicht, was allerdings nicht heißen muss, dass die Bildunterschriften von ihr sind). Ich frage mich, warum kaum Kritik entsteht? Vor allem bei Sprüchen wie

Simone ist ne heiße Braut. Nicht nur weil sie gerne Motorrad fährt… Sie sieht einfach klasse aus…

…und erst dieser Körper… haaarrrrrrr…. ABER!…

…ein ungünstiger Schnappschuss kann aus der schönen Simone auch mal sowas hier machen!

Da passt das hier sehr gut. Denn mir kommen beim Obenstehenden auch die Tränen:

The History of „Lauschen“

Richard Gutjahr schreibt auf seinem Blog den „Versuch eines Kommen­tars“ zu PRISM. Er lässt dabei leider einige wichtige Punkte aus:

Das Problem an PRISM ist nicht nur, dass die NSA Daten über Ausländer sammelt und diese speichert, sondern vielmehr, dass dies mit Wissen der europäischen Regierungen passiert. Ja, noch viel schlimmer: Die Auslandsgeheim­dienste Europas stehen bei der NSA Schlange, denn dort können sie sich die Daten über ihre eigenen Bürger holen, die sie innerhalb ihres Auftrags gar nicht erfassen dürfen. Vom belgischen und niederländischen Auslandsgeheim­dienst ist das bestätigt, in Österreich besteht dieser Verdacht in Bezug auf das Heeresnachrichtenamt. Wer glaubt, die anderen Länder und Dienste würden darauf verzichten, nun ja…

Blicken wir zurück auf die Geschichte, sehen wir (dort am Beispiel der NSA), woraus die Geheimdienste gemacht sind, worauf sie aufbauen. Sie sind Relikte aus der Zeit der Weltkriege, gebaut aus Organisationen und besetzt mit Menschen, die Informa­tionen über andere sammeln, um Macht über sie erlangen zu können – um sie erpressen und auspressen zu können.

Warum lassen wir das zu? Glauben wir an eine Sicherheit durch Überwachung? Hat das bisher funktioniert? Der Verfassungsschutz konnte die Opfer des NSU nicht schützen – vielmehr ist davon auszugehen, dass er den NSU mit den nötigen Mitteln versorgt hat – zum Beispiel über die Bezahlung von V-Leuten, die diese Mittel natürlich für ihre Zwecke einsetzen. Schlechte Arbeit oder bewusstes Zutun? Auch die Aufklärung verschleppt sich, wenn Akten geschreddert werden. Es darf auch die Frage gestellt werden, ob Terrorismus wirklich eine so große Gefahr darstellt, wie die Behörden uns weiß machen wollen, um mehr Geld für ihren Überwachungsapparat abzweigen zu können (off-topic-Statistik).

Ich höre und lese viel zu selten Aussagen wie:

Diese Welt wird letztendlich nur dann irgendwann wirklich demokratisch und freiheitlich werden, wenn wir es weltweit schaffen, Phänomene wie (nationale) Geheimdienste zu überwinden. – Thomas Stadler auf CARTA.info und seinem Blog

Er stellt auch fest:

Wer nun meint oder behauptet, die EU könne US-Programmen wie Prism etwa durch die geplante Datenschutz­grundverordnung Einhalt gebieten, hat nicht verstanden, auf welcher Grundlage und nach welcher Logik Geheimdienste agieren. – Thomas Stadler auf CARTA.info und seinem Blog

Wir brauchen keine Geheimdienste – sie verschlingen Geld, das wir besser in Energie- und Bildungsfortschritt investieren würden. Sicherer wird die Welt durch sie nicht, vielmehr führen wir durch sie ständig Krieg mit ande­ren Nationen und deren Diensten.

Foto: DGB

Double Irish With a Dutch Sandwich – Snack zum 1. Mai

Steuertricks und Steuerflucht sind alltäglich und kommen fast so unverfänglich daher wie das Bestellen eines Double Chocolate Cheesecake Muffins. Doch während Starbucks mit dem Muffin nur dem Zuckerhungrigen das Geld aus der Tasche zieht, sorgt dieselbe Firma mit dem Double Irish With A Dutch Sandwich für leere Staatskassen. Es handelt sich um einen der beliebtesten Steuertricks internationaler Firmen wie Apple, Google, Amazon, IKEA und eben Starbucks. Doch wenn die oberen Zehntausend dem Fiskus ein Schnippchen schlagen, passiert das auf Kosten der restlichen Bevölkerung. Sie füllen ihre Konten mit Geld, das die Gemeinschaft braucht, das der Gesellschaft fehlt.

Die Firmen buchen intern ihre Gelder um, gründen in den passenden europäischen Ländern Niederlassungen, die nur den Zweck der Steuervermeidung erfüllen. Große internationale Firmen sparen sich auf diese Weise jeweils Steuerzahlungen in Höhe mehrerer Milliarden US-Dollar.

“Multinational companies routed €10.2 trillion ($13.586 trillion) in 2010 through 14,300 Dutch ‘special financial units,’ according to the Dutch Central Bank,” the news agency wrote. “Such units often only exist on paper, as is allowed by law.”

Doch egal, ob legal oder illegal: Auch rechtlich einwandfreie Steuertricks sind weit davon entfernt, gerecht zu sein. Denn die Folgen von Steuerhinterziehung und Steuertricks sind leere Staatskassen. Was hier stattfindet, ist asoziale Umverteilung von Vermögen. Reiche Bevölkerungsteile enthalten ihren Mitbürgern Solidarabgaben vor – obwohl diese Abgaben für sie ein Klacks wären. Gelder, die die Staaten für die Ausbildung ihrer Jugendlichen brauchen, Gelder, mit denen in Deutschland Krippenplätze finanziert oder Stromleitungen verlegt werden könnten, werden auf anonyme ausländische Konten umgebucht.

Was bleibt dem Staat dann anderes übrig, als für den Schuldenabbau die Sozialleistungen zu kürzen und die Steuern zu erhöhen? Aber natürlich nicht die Steuern, die die Wohlhabenden beträfen. Nein: Statt den Spitzensteuersatz anzuheben und eine Vermögenssteuer einzuführen, werden Steuern erhöht, die auf dem Papier alle gleichmäßig belasten. Es soll ja schließlich fair zugehen in unserem Land. Eine erhöhte Mehrwertsteuer macht den Ärmeren aber viel mehr zu schaffen als denen mit gefüllter Portokasse.

Langsam sickert aber auch bei den Politikern die Einsicht durch, dass das Sanieren der Staatskassen auf Kosten der Armen keine Zukunft hat. Medienwirksam Steuerflüchtlinge zu Fall zu bringen, kommt da schon viel besser an. Bleibt zu hoffen, dass sich Recht und Gerechtigkeit ein wenig annähern. Denn der Sozialstaat steht vor dem Versagen, während sich ein kleiner Teil der Bevölkerung nicht um seine Rente sorgen muss – sondern von seinen Zinsen mehr als gut lebt. Ein Modell, das keine Zukunft haben darf.

Foto: Martin Krauß

Wer soll das bezahlen? – unabhängigen Journalismus finanzieren

Wie in der letzten kurzen Durchsage erwähnt, schreibt Bob Garfield im Guardian als Antwort auf Matthew Yglesias Artikel im Slate Magazine:

Anyone who cares deeply about quality, independent journalism should pray for paywalls and other subscription models to take hold.

Zuerst passt dies nicht als Replik auf Yglesias Artikel: Der singt zwar ein Loblied auf die Möglichkeiten des Internets für Medien und Journalismus, geht dabei aber nicht auf Finanzierungsmodelle ein. Sein Text beschäftigt sich mit Inhalt und Form von Journalismus im Netz.

Zweitens: Bevor Garfield zu diesem Schluss kommt, wirft er seinen Lesern vor, sie seien Plünderer. Menschen, die Läden leerräumen, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Blogger, Aggregatoren und News Sites würden mit ihren gestohlenen Gütern nach Hause kommen und diese hätten auf dem Heimweg schon an Qualität verloren. Er spannt also einen sehr weiten Bogen von den Möglichkeiten des Netzs hin zu Bloggern und Aggregatoren. Diese sind aber nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Sie lenken einen großen Teil des Traffics auf Internetseiten von Medienunternehmen. Ganz zu schweigen davon, dass mancher Blogger Themen unabhängiger und objektiver betrachtet als ein Journalist, dessen Verleger Angst davor hat, der im Artikel erwähnte Energiekonzern, Kosmetikhersteller oder Nahrungsmittelproduzent könnte die nächste, lukrative Anzeigenkampagne zurückziehen.

Für Garfield sind Leser, die auf ein Print-Abo verzichten Übeltäter – genau wie Blogger, die auf interessante Artikel in Presseangeboten hinweisen. Er verschließt die Augen davor, dass die Zeitungen völlig freiwillig ihre Inhalte kostenlos anbieten und Blogger ihnen mit Verlinkungen kostenfrei den Traffic aufbessern. Mehr Klicks, die die Zeitungen wiederum in Anzeigenerlöse umwandeln können.

Erst nach der Kritik an den eigenen Lesern beschreibt Garfield das eigentliche Problem der Medien: Ihr Finanzierungsmodell funktioniert nicht mehr: Kleinanzeigen, Partnersuche und all die anderen lukrativen Einnahmequellen der Zeitungsverlage werden inzwischen von Internetfirmen angeboten. Offensichtlich haben es die Verleger und Unternehmenslenker größtenteils verpasst, ihre Modelle an den Ort zu verschieben, an dem sich die Menschen nun treffen, um nach gebrauchten Autos und neuen Partnern zu suchen.

Traurig ist nur, dass Garfield für derartig inhaltsleeres Wettern gegen Unschuldige gerade im Guardian Platz eingeräumt wird – einer Zeitung/Webseite, die ihre Mittel nicht etwa nur aus Werbung oder ähnlichen Einnahmequellen generiert, sondern die von einer Stiftung getragen wird. Der Guardian ist mit diesem Modell ein Beispiel, wie unabhängiger Journalismus finanziert werden kann – auch wenn dieses Modell womöglich nicht bestehen wird. Warum merkt man diese Unabhängigkeit dann nicht auch an Garfields Äußerungen? Er reiht sich ein in den Grundtenor vieler Zeitungskommentatoren: „Das Internet ruiniert den Journalismus und alle, die sich darin bewegen, wollen es so!“ Der Journalismus des Guardian muss seinem Verleger nicht gefallen und ist dennoch von Verlegerinteressen gefärbt. Warum?

Es ist noch nicht lange her, da habe ich über dieses Thema mit Jonathan diskutiert. Ich hatte damals zwischen den Medien als Unternehmen und dem Journalismus als Produkt der Medien unterschieden. Meine Argumentation war, dass Medienunternehmen nur soweit guten Journalismus finanzieren, wie dieser für Einnahmen sorgt. Unabhängige und aufwendige Recherchen werden finanziert, um den Ruf des Mediums zu erhalten und zu steigern. Aus unternehmerischer Sicht lohnt es nicht, mehr zu investieren, wenn Leser auch mit Agenturtexten und günstiger produzierten Inhalten gehalten werden können.

Die Finanzierung von Journalismus ist etwas, das bei Weitem nicht nur Journalisten interessiert. Es ist die Frage, wie etwas bezahlt werden soll, das der gesellschaftlichen Diskussion von Themen dient, die alle betreffen. Wir sprachen darüber, warum Zeitungen so dick sind und von Sport bis Börse alles enthalten. Wir diskutierten, ob auf Agenturmeldungen basierende Texte dem Leser Mehrwert bringen oder, ob diese Platz- und Zeitverschwendung wären.

Wir sprachen über die Wünsche an einen idealen Journalismus und die aktuelle Realität der Medien. Warum enthalten Zeitungen Agenturtexte zu allen Themen, statt nur auf wenige, bedeutende, eigene Geschichten zu setzen? Weil sie dem Leser lieber aus Agenturmeldungen zusammengesetzte Texte zu allen aktuellen Themen vorsetzen, als ihn an die Konkurrenz zu verlieren. Leser sind Individuen, die unterschiedliche Interessen haben. Alle zu befriedigen ist nur über ein binnenpluralistisches Produkt wie die heutigen Tageszeitung möglich oder indem jeder seine individuelle Zeitung erhält. Warum gibt es keine individuellen Zeitungen? Weil der Vertrieb zu teuer wäre – oder woran scheiterten Projekte wie Niiu? Womöglich waren es die schlechten Automatismen, die die Artikel auswählten. Eine redaktionell individualisierte Zeitung wäre sicher zufriedenstellender. Aber die selektierenden Redakteure müssten auch für ihre Arbeit bezahlt werden. Es bleibt die Frage: Wodurch verlieren die Zeitungen mehr Leser – wenn sie sie mit uninteressanten, nicht selbst recherchierten Themen vergraulen oder wenn sie auf Themen verzichten, die womöglich eine Leserschaft gefunden hätten? Diese Entwicklung und ob uns eine Themenfokussierung nach marktwirtschaftlichen Gesetzen gefallen könnte, sollten wir wohl am besten nach einem Blick auf die auflagenstärksten Special-Interest-Zeitschriften beurteilen: Titel, für die die Welt nur aus Essen, Computern und Autos besteht.

Wie soll sich der Journalismus entwickeln? Was wollen Leser, die zu Nutzern geworden sind? Nutzer, die soziale Filter nicht mehr nur aus der analogen Welt gewohnt sind. Wenn Leser Nutzer sind, die nicht nur von Freunden auf interessante Artikel in der Zeitung hingewiesen werden, sondern ihren Medienkonsum durch RSS-Feeds, Likes und Algorithmen steuern, wollen sie keinem globalen Mainstream mehr folgen. Diese Menschen machen genau das, was ich oben beschrieben habe: Sie filtern über ihr soziales Netzwerk Uninteressantes aus und verzichten auf Themen, die für sie weniger bedeutsam sind.

Wie können wir als Journalisten diesen Menschen die Informationen geben, die sie wünschen, und damit auch noch unseren Lebensunterhalt verdienen?

Für Andreas ist das die Aufgabe der einzelnen Journalisten – aber auch der Medien in ihrer Funktion als Arbeitgeber. Sie sollten ihren Redakteuren die Möglichkeit geben, eigene Ideen umzusetzen. Dazu brauchen Journalisten zeitlichen und finanziellen Freiraum außerhalb ihres Arbeitsalltags. Nur dann können Ideen und Konzepte entstehen, die den Journalismus voranbringen.

Ich sehe auch Institutionen wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Pflicht, der genau dazu geschaffen ist, den Wünschen der Bevölkerung zu folgen, Menschen mit unabhängigen Informationen zu versorgen, ohne auf wirtschaftliche Einflüsse Rücksicht nehmen zu müssen.

Die eigenen Leser und deren angebliche Kostenlos-Mentalität zu verdammen, ist aber sicherlich nicht die Antwort auf die Frage, wie guter Journalismus in Zukunft finanziert werden soll. Vielleicht sind es Genossenschaftsmodelle, vielleicht sind es öffentliche Träger. Womöglich lässt sich Journalismus auch weiterhin von privaten Unternehmen finanzieren. An nicht begründbaren Feindbildern festzuhalten und sich möglichen, nicht privatwirtschaftlichen Finanzierungsmodellen zu verschließen, wird aber nicht zu gesicherten Verhältnissen für Journalisten führen. Sondern dazu, dass sie in ihrer Verbitterung vergeblich versuchen werden, einen Status Quo zu erhalten, in dem sie sich halbwegs sicher fühlen. Stattdessen sollten Medienunternehmen ihren Mitarbeitern die Freiheit einräumen, den Journalismus weiterzuentwickeln.

Wir und unsere Privatsphäre – warum messen wir mit unterschiedlichem Maß?

Unsere Privatsphäre ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens – Ist sie dabei, sich zu verändern? Akzeptieren wir, dass wir in einer Welt leben, in der Privatsphäre vor allem von Firmen nicht mehr geachtet wird? Ist das Verhalten dieser Firmen neu – oder nehmen wir es nur in letzter Zeit wieder vermehrt wahr? In den letzten Tagen fanden einige Themen auffällig medial statt, die unsere Privatheit betreffen.

An wen denke ich, wenn ich diese Zeilen schreibe? Nein, dieser Text wird nicht nur von Facebook handeln oder von Google Glass, der Ich-dokumentiere-alles-Brille.

Ich denke vor allem auch an Bertelsmann und all die anderen Unternehmen, die Adressen und Daten sammeln, um ihren Absatz zu vergrößern. Für die diese Praxis nichts Neues ist. Ich denke ebenso an unsere Meldeämter, die diesen Unternehmen beim Sammeln helfen.

Bei der Problematik der Adresshändler-freundlichen Meldeämter gibt es jetzt eine praktische und schnelle Möglichkeit, Einspruch zu erheben. datensparsam.de macht den „Antrag auf Übermittlungssperre“ zur Sache weniger Klicks. Den Antrag geben aber auch die Meldeämter direkt heraus.

Adresshandel ist nichts Neues

Unsere Anschriften werden von Firmen genutzt, die in uns potenziellen Profit sehen und nichts weiter im Sinn haben als unser Geld. Hat sich da etwas durchs Netz geändert? Nein. Ich habe mehr Spam in meinem Briefkasten als in meinem E-Mail-Eingang: Anzeigenblätter, Discounter-Prospekte und all die anderen Dinge, die durch den Briefschlitz passen. Wir empören uns über Google und Facebook, die unsere Daten speichern, Daten, die wir ihnen freiwillig geben. Für einen kostenlosen Duden schicken wir aber gerne ein Kärtchen mit unserer Adresse, dem Namen und Alter unserer Kinder an Bertelsmann. Konsequent ist das nicht. Warum fühlt sich die Weitergabe der Daten aber anders an? Warum stört uns die mangelnde Transparenz bei Facebook mehr als beim Duden-Händler? Beide verraten uns nicht, was sie mit den Daten machen, wie viel sie über uns wissen – mit wem sie ihr Wissen teilen.

Es wird offensichtlich

Der große Unterschied ist, wie offensichtlich uns die Auswertung unserer Daten wird. Obwohl bei beiden Datensammlern hinter den Kulissen wahrscheinlich dieselben Schritte ablaufen, bemerken wir sie im digitalen Lebensumfeld schneller: Web-Werbung, die sich schneller anpasst, als das letzte Paar Schuhe bestellt war; Suchvorschläge, die sich vervollständigen, bevor mich das Thema überhaupt interessierte. Schockierend? Warum schockt dann aber der Anruf eines Abo-Call-Centers nicht, der genau dann kommt, wenn das Probe-Abo endet? Oder die Autowerbung, die hereinschneit, nachdem der alte Wagen ziemlich teure Reparaturen bei der letzten Inspektion nötig hatte.

Warum reden wir da jetzt schon wieder drüber?

Im analogen Leben nehmen wir viele Eingriffe in unsere Privatsphäre also nicht mehr als etwas Besonders wahr. Aber auch wie viele Daten Nutzer mit der Zeit zum Beispiel auf den Servern von Facebook anhäufen, merken die meisten erst, wenn diese Daten interpretiert werden. Was Facebook macht, um passende Werbeanzeigen schalten zu können, machen auch Wissenschaftler. Wissenschaftler veröffentlichen allerdings in der Regel die Ergebnisse ihrer Analysen – Facebook nicht. So eine wissenschaftliche Betrachtung hat nun wieder eine Artikelwelle in den deutschen Massenmedien angestoßen. Bemerkenswert ist aber die Heransgehensweise ans Thema:

  • SpOn: „Facebook-Psychologie: Zeig mir deine Likes – und ich weiß, wer du bist“
  • FAZ: „Modell entlarvt Privates – „Gefällt mir“ auf Facebook ist verräterisch“
  • taz: Studie über Facebook – „Gefällt mir“-Klicken zeigt IQ
  • SZ: Facebook-Studie – „Mein Geschlecht, meine Hautfarbe, meine Drogen“
  • ZEIT: Studie – „Facebook-Likes als Gradmesser für Intelligenz“

„Verräterisch“, „Drogen“, „entlarven“ – Hilfe! Grundtenor, mal mehr, mal weniger, ist: Jeder kann deine Persönlichkeit aus Facebook auslesen. Deine persönlichsten Geheimnisse sind nicht mehr sicher. Das stimmt aber nicht.

Es wird persönlich

Im Rahmen einer Studie der Cambridge-Universität entwickelten Forscher eine Facebook-App, die dem Besitzer eines Profils anhand der Likes Eigenschaften und politische Einstellungen zuordnen kann. Es ist also festzuhalten, dass die Nutzer ihre Daten bewusst per App für die Studie zur Verfügung gestellt haben. Es handelt sich nicht um öffentliche Daten. Immer unter der Prämisse, dass das Unternehmen Facebook natürlich immer auf alle Daten innerhalb des Netzwerks Zugriff hat und darüber verfügt, wer Zugriff auf diese Daten hat.

Die Genauigkeit des Algorithmus der Forscher ist dennoch in Teilen bemerkenswert. Anders als eine Auswertung des Profils von Hand oder eine Befragung der Person, kann also der Algorithmus viel schneller und dennoch mit guter Trefferquote erkennen, welche Art von Persönlichkeit sich hier präsentiert. Derartige Erkenntnisse könnten aber durch eine Befragung mindestens genauso gut ermittelt werden – nichts anderes macht die Marktforschung. Hier einmal die Ergebnisse, die die App aus meinen Likes generierte:

Hier seht ihr meine Eigenschaften.

Die Studie und ihre Methoden hinterfragen – nicht Facebook

Doch was sehen wir hier? Mich – wie ich bin? Nein, eher mich, wie ich mich präsentieren möchte. Die Likes repräsentieren mein Selbstbild – und das in geschönter Form. Denn in die Likes fließt ja nicht die Außensicht anderer ein, sondern nur, wie ich mich selber sehen möchte. Journalistische Aufgabe wäre also, die Studie zu hinterfragen, zu prüfen, ob die Thesen der Wissenschaftler zutreffen. Doch das passt medienpolitisch nicht so gut. Denn Facebook und Google sind als Feindbilder in den Köpfen der Leser zu halten.

Eine wichtige Frage zur Studie ist: Basieren die Raster und Einteilungen, in denen die Likes kategorisiert werden, auf Vorurteilen und Annahmen der Forscher? Oder wurde im Vorfeld die jeweilige ethnische oder gesellschaftliche Gruppe auf ihre Likes hin getestet und das Raster damit „geeicht“? Betrachte ich die Tabelle, auf der wohl beispielhafte Likes und „ihre Bedeutungen“ gelistet sind, komme ich eher zu ersterem Schluss: Die Forscher haben sich überlegt, welche Likes für welche Eigenschaft stehen. Zum Beispiel:

  • Beerpong = outgoing and active
  • My Calendar 2010 = well organized
  • I Hate Police = competitive

Ich bin schockiert, wenn mich der Algorithmus als „cooperative“ einstuft, denn da stehen Likes wie „Go To Church“, „The Book Of Mormon“ oder „Circles Of Prayer“ Pate. Da sehe ich mich doch schon eher im entgegengesetzten Bereich, in dem auch Atheismus verortet wird. Doch warum ist jemand assertive, der nicht an Gott glaubt? Und warum ZUR HÖLLE, soll ich nicht selbstsicher sein und mich behaupten können… Offensichtlich muss ich meine Likes also noch besser abstimmen, um den richtigen Eindruck zu machen. Der Punkt ist doch aber: Das sind keine dunklen Geheimnisse, die da aus meinen Likes ersichtlich werden.

Hier wäre also journalistischer Spielraum gewesen, Schwächen der Studie aufzuzeigen, die Ergebnisse zu relativieren und aus soziologischer Sicht einzuordnen.

Google Glass – und die Privatsphäre Dritter

Sowohl die Bestellkarten für die kostenlosen Duden als auch ein Profil auf Facebook sind selbst gewählte Einbrüche in die eigene Privatsphäre. Jeder kann selber entscheiden, ob er seine Daten herausgeben will. Eine Facebook-App hat erst nach ausdrücklicher Erlaubnis Zugriff auf das eigene Profil, um die Likes analysieren zu dürfen. Likes, die bewusst gesetzt wurden und die persönlichen Vorlieben widerspiegeln.

Was passiert aber mit unserer Privatsphäre, wenn wir sie nicht mehr selber aufgeben? Wie sind Überwachungskameras in diese Überlegung mit einzubeziehen und sind Google-Brillen genau genommen nichts anderes als tragbare Überwachungskameras mit Standleitung zu Google?

Anders als bei den oben beschriebenen Einbrüchen in die Privatsphäre brechen wir mit Überwachungskameras und Google-Brillen in die Privatsphäre anderer ein. Laufe ich durch die Stadt und trage ein Video-Sound-System, das Daten auf Google-Servern speichert, dann eröffne ich dem Unternehmen Google die Möglichkeit, über mich in die Welt zu schauen. Jeder, der sich in einem einseh- und -hörbaren Radius befindet, wird aufgezeichnet: in Bild und Ton.

Doch müssen wir dagegen kämpfen, dass eine solche Gesellschaft kommt, oder wollen wir dafür kämpfen, dass jeder so sein kann, wie er will? Wollen wir dabei auf Medien hören, die Facebook und Google verurteilen, aber selbst Daten sammeln, um Neukunden zu finden und Bestandskunden neue Produkte zu verkaufen?

Wovor haben wir Angst? Dass jemand weiß, wen wir lieben? Nein, wir haben davor Angst, dass jemand für seine Zwecke ausnützt, dass er weiß, wen wir lieben. Wir haben Angst, keinen Job zu finden, weil wir lesbisch sind? Wir haben Angst, dass wir nicht eingestellt werden, weil wir zwei Kinder haben und diese alleine erziehen? Davor darf niemand Angst haben (müssen)! Die Idioten, die alleinstehende Mütter nicht einstellen, gegen die müssen wir kämpfen, statt gegen das soziale Netzwerk, aus dem der Idiot die Info rausgekauft hat.