Medienlogik und Medienrealität

Letzten Donnerstag und Freitag (10. und 11. Februar) habe ich in der Uni in Tübingen verbracht und dort den diversen Vorträgen zahlreicher Professoren, Doktoren und Master-Absolventen gelauscht. Denn dort fand die Tagung der Fachgruppen „Journalistik/Journalismusforschung“ und „Mediensprache/Mediendiskurse“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft e.V. unter dem Titel „Medienlogik und Medienrealität“ statt.

Ich werde das, was ich dort erfahren habe, nach meinen Prioritäten geordnet, hier niederschreiben. Es sind nicht alle Vorträge dabei, eher das, was junge Online-Journalisten meiner Meinung nach anwenden können.

Besonders interessant fand ich Julius Reimers Vortrag. Eigentlich war er als gemeinsamer Vortrag mit Klaus Meier geplant, doch Meier musste „repräsentativen Verpflichtungen“ nachkommen.

In Reimers Vortrag ging es um Transparenz in den Medien. Er stellte seine und Meiers Untersuchung vor, die zeigte, dass sich das Vertrauen der Leserinnen und Leser in Journalismus durch Transparenz steigern lässt. Sie hatten ihren Untersuchungsteilnehmern einen Artikel vorgelegt, dem sie wahlweise keine Transparenz erzeugenden Elemente, prozess- oder produkttransparente Elemente oder alle Transparenzelemente anfügten. Mit jedem Transparenzelement steigerte sich das Vertrauen weiter, allerdings nicht linear.

Die verschiedenen Transparenzdimensionen kurz erklärt (Update 3. März 2011):
Produkttransparenz: Wie ist das journalistische Produkt entstanden und aAuf welchen Quellen beruht es das journalistische Produkt? -> Bild und Vita des Autoren, Verlinkung zu/Verweis auf Quellen
Prozesstransparenz: Warum wird über welche Themen geschrieben und in welcher Art und Weise berichtet? -> Videoclips von Redaktionssitzungen, Themenpläne, Autor und dessen Vita (Update Ende)

Monologische Transparenz, die vom Publizierenden ausgeht, kann on- und offline hergestellt werden: Autor, Quellen und Hintergrundinformationen neben dem Artikel schaffen beispielsweise Produkttransparenz. Weiter wurde deutlich: Neben dieser monologischen Transparenz bietet vor allem der Online-Journalismus zwei weitere Möglichkeiten, Transparenz zu erreichen: Dialogische und partizipative Transparenz sind im Online-Journalismus einfacher und somit häufiger anwendbar.

Mit Kommentaren und Foren bieten die meisten Produzenten von Online-Journalismus zwar schon heute Möglichkeiten zu diskutieren, aber ich denke für den Transparenzeffekt müssten sich die Autoren noch mehr in die Diskussion einbringen. Die Möglichkeiten bei der Entstehung eines journalistischen Produkts mitzuarbeiten, sind, glaube ich, zum momentanen Zeitpunkt im Online-Mainstream aber wohl noch sehr stark ausbaubar. Von Nutzern generierter Inhalt, der redaktionell ausgebaut, nachrecherchiert und bearbeitet wird, findet sich, so zumindest mein momentaner Eindruck, wenn, dann vor allem auf Tech-Sites.

Reimer machte deutlich, dass die Objektivität, die bisher im Journalismus suggeriert wird, mit dieser Theorie der Transparenz im Widerspruch steht. Allwissend zu erscheinen, ist nicht damit vereinbar, dem Konsumenten die eigene Meinung und persönliche Wissenslücken offenzulegen.

Reimers Vorredner Vinzenz Wyss sprach im Bezug auf die Logik des Journalismus von einem transdisziplinären Zugang. Journalismus synchronisiere die Gesellschaft und die verschiedenen Systeme in ihr. Verschiedene Systeme stünden im Konflikt und der Journalismus werde dann aktiv, wenn sich Interessen gegenüber stünden. Dabei setzt sich das Publikum des Journalismus aus den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen zusammen: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, … . Die verschiedenen Diskurse innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppen miteinander zu kombinieren und alle in ihrer Lebenswelt abzuholen, das gelänge mit Narration. Ein erzählender Journalismus also könne die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme zusammenführen.

Durch eine konstruierte Reihenfolge, bestimmte Rollenträger (im Sinne eines Helden, Gewinners, Verlierers, …) könnten Texte leichter verstanden werden. Journalismus mit Hinweisen und Schlüsseln zur Interpretation, einer Lösung, einem Konsens zum Schluss erleichterten das Konsumieren. Aber Narration ist immer subjektiv, weil sie bewertet und selektiert, damit eine stimmige Geschichte entstehen kann.

Auch Friederike Herrmanns Vortrag am Freitag hatte etwas mit Narration zu tun. Im Mittelpunkt stand die persönliche Erzählstimme in einem Text. Mit ihr wird eine Beziehung zum Leser hergestellt. Sie macht die Bedingungen aus, unter denen ein Text gelesen wird. Im Texteinstieg wird „ein Vertrag mit dem Leser“ geschlossen, womit er im Folgenden zu rechnen hat.

Herrmann sagte, dass eine individuellere Sprache möglicherweise ehrlicher sein könnte, als vom Leser distanzierte Formulierungen. Ich finde, das stimmt, denn eine vorgegaukelte Objektivität durch distanzierte Formulierungen macht es dem Leser nur schwerer, die Meinung des Autoren und der Redaktion zu erkennen. Jedem von uns ist aber bewusst, dass es Blattlinien gibt und kein Mensch vollkommen objektiv berichten kann. Eine ehrlichere Sprache würde in meinen Augen auch Transparenz schaffen. Und damit schließt sich der Kreis zu Reimers Vortrag. Denn was brächte es, den Autor eines Textes zu kennen, sein Foto und seine Lebensgeschichte vor Augen zu haben, wenn sein Text distanziert formuliert ist. Was bringt uns ein persönlicher Kontakt zu ihm, wenn jeder x-beliebige den Text hätte schreiben können.

Das war der kleine Einblick in drei von fünfzehn Vorträgen an diesen anderthalb Tagen. Ich danke allen Dozenten für die aufschlussreiche Veranstaltung und das geballte wissenschaftliche Wissen, das sie in dieser kurzen Zeit mit den Zuhörern geteilt haben.

Wir sind nicht Facebooks Kunden

Wir sind nicht Facebooks Kunden, sondern die Ware. Wir stellen den Wert des Unternehmens dar.

Facebooks Kunden sind all die Firmen, die auf Facebook als riesige soziologische Datenbank zurückgreifen, um mit gezielter Werbung effizienter Geld zu verdienen.

Keine Angst, dieser Artikel ist kein Anti-Facebook-Artikel. Er setzt sich mit dem Phänomen aus verschiedenen Perspektiven auseinander.

Der Nutzen Facebooks

Facebook wäre nicht so erfolgreich, wenn es den Entscheidungsträgern nur um Profit und die Versorgung ihrer Kunden mit Daten der Nutzer ginge. Die vielen Funktionen von Facebook machen es für so viele – und immer mehr – Menschen so attraktiv, Mitglied zu werden. Nirgends kann man im Moment so viele seiner „Freunde“ gleichzeitig mit so vielen Informationen eindecken und sie auf dem Laufenden halten wie auf Facebook. Facebook ist beinahe einzigartig und durch die enorme Verbreitung (mehr als 500 Millionen Nutzer, >14 Millionen in Deutschland) und Abdeckung alternativlos. Ich muss hier einfach das Unwort benutzen.

Auch für Firmen ist das Profitieren vom Backend, also dessen, was hinter den Kulissen des Unternehmens passiert, unsichtbar für den Facebook-User, lange nicht der einzige Vorteil von Facebook. Auch als Mitglieder profitieren Firmen und Marken von den enormen viralen Effekten die von Facebook ausgehen. Likes und Freundschaften sind zu einer starken Währung geworden.

Facebook macht die Welt besser

Facebook als Revolutionsmöglichkeit, als Plattform zur Organisation außerparlamentarischer Opposition funktioniert und bewirkt Unglaubliches. Erst nach der Facebook-Revolution in Ägypten waren so viele Menschen auf der Straße, dass ihre Meinung auch offline aus genug Mündern kam. Ohne eine Online-Vorbereitung hätten sich nie so viele Gleichgesinnte organisiert. Mubarak hätte auch schon viel früher unter Druck geraten können, doch es gab eben keine Vernetzung in der Opposition, die stark genug war – bis vor ein paar Tagen. Diese wunderbaren Eigenschaften sind inzwischen auch in den konservativen Kreisen der Politik angekommen. Ich weiß zwar nicht, ob Angela Merkel wirklich die Freiheit von Facebook, Twitter und Co. für ihren Verdienst halten sollte, aber sie hat sicher damit Recht, dass Inhalte im Netz Gesichter bekommen und persönlicher werden.

In unserer Euphorie für diese Möglichkeiten Facebooks und unserer Sympathie für Unterdrückte wie das ägyptische Volk vergessen wir aber, dass jeder weiß: Unternehmen arbeiten schon immer so, dass sich ihr Profit erhöht und die Teilhaber glücklich sind. Daher wird sich auch Facebook so verhalten, wie es die Mächtigen und Geldgeber wünschen. Doch letztendlich entscheidet der Nutzer, wie weit Facebook gehen kann.

Facebooks Kunden-Nutzer-Verhältnis

Mit den immer stärker steigenden Nutzerzahlen – auch älterer Menschen (50+) – kann mit Facebook schon heute beinahe die ganze Gesellschaft repräsentiert werden. Zumindest mit der Zeit wird eine repräsentative Abdeckung auf jeden Fall möglich sein. Forschungs- und Umfrageinstitute werden überflüssig werden. Datensätze können möglicherweise in Zukunft einfach bei Facebook bestellt werden.

Das Abgreifen beziehungsweise Abkaufen von personenbezogenen Daten der Nutzer aus den Beständen Facebooks durch Dritte wird zahlreichen Werbetreibenden in Zukunft nicht mehr genügen. Immer mehr werden den Schritt gehen, nicht mehr nur einzelne Kontakte der Facebook-Mitglieder zu nutzen, sondern gleich eine ganze Schicht, eine gesellschaftliche Gruppe via Facebook zu durchleuchten.

Schon in den letzten Jahren ging es Facebook und seinen Kunden nicht nur um die Daten einzelner Mitglieder, die für Werbezwecke an Dritte weitergegeben wurden. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Nutzern – das Soziale – ist es, was die Werber interessiert.

Solange nur die Werbeindustrie auf diese Daten zugreift, wird die Werbung eben immer besser auf uns abgestimmt. Es wird kein gestreutes Spamming mehr geben, sondern gezielte Werbeattacken. Damit ließe sich leben, wäre es doch auch für uns angenehmer, nur noch mit interessanter, auf uns abgestimmter Werbung konfrontiert zu sein.

Man kann seine Privatsphäre wahren

Facebook bietet trotz des Drucks der Datenkäufer, mit denen es schließlich den Dienst für seine Nutzer finanziert, viele Möglichkeiten für seine Mitglieder, ihre Privatsphäre zu wahren. Es gibt zahlreiche Schrauben, an denen man als Nutzer drehen kann, um sein Profil nicht der ganzen Welt, sondern nur den Facebook-Freunden zur Verfügung zu stellen. Ja, für jeden einzelnen Post könnte man theoretisch einzelne Empfänger angeben und die Nachricht so nur an eine kleine Gruppe versenden. Doch vielen fallen die Schrauben nicht auf, weil sie, man könnte sagen, etwas unauffällig platziert sind.

Doch was nutzt einem Facebook, wenn man sich damit nur von der digitalen Umwelt wieder ausschließt. Ein bisschen offen muss man schon sein, damit die Funktionalität erhalten bleibt. Anonymität ist in einem sozialen Netzwerk nicht angebracht, anonym kann man sich nicht vernetzen. Das funktioniert nur richtig, wenn man ehrlich ist.

Ich habe einen ganz persönlichen Grund, warum ich all das schreibe: Ich bin noch kein Facebook-Mitglied. Wie zu erkennen ist, setze ich mich aber mit dem Thema auseinander.

Eine Kommilitonin veröffentlichte heute einen Artikel auf ihrem Blog. Sie hat ein sehr schönes Projekt gestaltet, in dem sie die Blogger unseres Jahrgangs auf einer Plattform zusammenfasst. Ich bin in diesem Projekt nicht vertreten. Sie meint, weil ich nicht auf Facebook bin. Sie hatte ihre Facebook-Gemeinschaft über ihre Pläne informiert und auch zur Umsetzung des Projektes befragt. Mich konnte sie so natürlich nicht erreichen. Ein anderer Kommilitone, der sich auch noch nicht im Kreis der Facebook-Nutzer befindet, schaffte es aber doch – durch soziale Kontakte im realen Leben. Allein an der fehlenden Facebook-Vernetzung lag es also nicht. Ich bin/war einfach im realen Leben nicht vernetzt genug mit ihr. Ob sich solche Lücken durch eine Mitgliedschaft bei Facebook schließen lassen, wird sich zeigen.

Sie schreibt in ihrem Artikel auch, dass meine Abstinenz auf Facebook wohl „irgendwas mit Datenschutz-Bedenken“ zu tun hätte.

Ich habe keine Angst vor anderen Menschen, die mit einer Google-Suche erfahren könnten, dass ich gerade ein Butterbrot esse. Denn das ließe sich mit den Privatsphäreeinstellungen von Facebook verhindern. Wovor ich aber Respekt habe, ist, dass meine Daten dem Unternehmen zufließen, unabhängig, wie strikt ich meine Privatsphäreeinstellungen wähle.

Ob an diese Daten, die ich in Facebook als nicht öffentlich markiere, nun außer Facebook auch andere heran kommen, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass das nicht der Fall ist. „Irgendwas mit Datenschutz-Bedenken“ hat es also schon zu tun, aber nicht in dem Sinne, wie es die Zeitungs-Verleger propagieren, sondern mit der Befürchtung, dass Facebook auch für die Außenwelt geschützte Daten verkaufen könnte. Im Moment ist das wohl nicht vorgesehen. Potenziell möglich wäre es aber.

Was könnte mit solchen Daten und Verbindungen „angestellt“ werden?

Diktatoren könnten, wären sie und ihre Untergebenen fähig genug, jedweden Aufstand schon Wochen vor Ausbruch still und heimlich verhindern. Live-Analysen könnten aufdecken, wo sich jemand gerade nicht systemkonform äußert. Schon vor einer Ausbreitung revolutionärer Gedanken könnten Regime und ihr Gefolge dann eingreifen. Die virale Ausbreitung, die soziale Netzwerke auszeichnet, würde so schnell wirkungslos. Nichts könnte sich mehr unbeobachtet entwickeln. Es gäbe keine Chance, dass sich eine noch so kleine Gruppe Gleichgesinnter auf Facebook zusammenschließen könnte. Es liegt also auch an Facebook und den Richtlinien, was mit den Daten der Nutzer passiert.

Paul Trummer im Gespräch

Nachdem wir für den Lektürekurs das „Sachbuch“ „Pizza Globale“ von Paul Trummer gelesen hatten, wartete ein besonderes Highlight auf uns – das Skype-Telefonat mit dem Autor, das unsere Professorin tags zuvor spontan mit ihm verabredet hatte.

Ein offenes Gespräch mit einem jungen, sehr sympathischen Journalisten gab uns die Möglichkeit, Fragen zu seiner Arbeit wie auch zum Inhalt des Buches zu stellen.

Das Telefonat zeigte: Es ist immer lohnend, „sich mit Essen auseinander zu setzen“. Zum Thema passend war der erst frisch in die Medien geratene Dioxin-Skandal – mit giftigen Rückständen im Futter unserer Hühner, Schweine, … .

Es wurde klar, dass eine industrialisierte Nahrungsherstellung beziehungsweise Landwirtschaft zu solchen Skandalen führte, die sich dann auch international auswirkten, wie zum Beispiel im Fall Südkoreas, das den Import von deutschem Fleisch momentan nicht erlaubt, um sich vor dem Gift zu schützen.

Paul Trummer sagte uns, dass es ihm wichtig gewesen sei, beide Seiten in seinem Buch zu Worte kommen zu lassen, sich also nicht nur mit dem Biobauern, sondern auch mit dem Tiefkühlpizza-Hersteller zu unterhalten. Er wollte zeigen, wie ökonomische Interessen die Lebensmittelindustrie beeinflussen. Es geht, wie in jeder anderen Industrie, darum, die Effizienz zu steigern und höhere Gewinne zu erzielen. Es sei ihm aber „zu plump“ gewesen, sich nur mit den Gegnern einer globalisierten Lebensmittelproduktion zu identifizieren und von deren Warte aus zu argumentieren.

Er wiederholte, was er auch in seinem Buch geschrieben hat: „Wir verdrängen sehr gerne, weil wir auf unsere eigene Geldbörse achten.“

Trummer äußerte sich auch zu aktuellen Konflikten: China, als neue Imperialmacht in Afrika, werde es für die Bevölkerung des Kontinents nicht leichter machen.

Paul Trummer berichtete uns, wie die Recherche – sie dauerte im Übrigen eineinhalb Jahre, während der er aber weiterhin seinem Beruf als Redakteur beim Wiener Kurier nachging – sein Ess- und Kaufverhalten nachhaltig verändert hat:

Trummer geht nicht mehr zu Mc Donald’s, kauft viele Bio-Produkte und legt Wert auf saisonale Nahrungsmittel. Außerdem hat Trummer für sich zwei „fleischfreie Tage“ in der Woche eingeführt. Er meint, „wir sollten es uns nicht zu einfach machen“.

Da nur zwei aus unserem Kurs mit ihm direkt sprechen konnten, hatte der Rest des Kurses Fragen vorbereitet. Auf meine Frage, ob Österreicher Bio-Lebensmitteln einen höheren Stellenwert zuschreiben würden, antwortete er erst mit folgender Aussage: „Naja, ihr habt ALDI erfunden …“, bestätigte dann aber, dass durch die kleineren Strukturen, die die österreichische Geographie vorgebe, Landwirtschaft in Österreich tatsächlich anders wahrgenommen werde.

Die Europäische Union plane, so Trummer, kleinere Bauernhöfe zu fördern und den Trend in Richtung kleinerer Produktionseinheiten steuern zu wollen. Das könnte zu lokalerem Produktionsverhalten führen.

Ein paar Netz-Tipps

Ich finde, es gibt schon genug Blogs, die sich mit dem sammeln von interessanten Dingen beschäftigen. Einige sammeln Technikartikel, andere beschäftigen sich mit Kultur, manche mit Subkultur.

Ich will mich da keinem Genre zuordnen. Ich will auch gar nicht den Eindruck erwecken, dass ich jetzt täglich, wöchentlich oder in irgendeinem festen Rhythmus hier interessante Dinge zusammenstellen möchte. Aber ich will doch jetzt auf alle Fälle mal – weil es mir ein Bedürfnis ist – hier eine kleine Liste der Dinge anführen, die mich in den letzten Tagen interessiert haben.

  1. Im griechischen Grenzgebiet zur Türkei – dort wo in Zukunft womöglich wieder eine Mauer/ein Zaun Menschen in Europa voneinander trennen wird – wurde von Frontex-Beamten ein deutscher Journalistfestgenommen. Er arbeitete für das Hamburger Abendblatt (Springer) und hatte nach eigenen Angaben seine Recherchen beim deutschen Innenministerium angemeldet.
  2. Bei Ford stellt man sich die Zukunft des Automobils recht interessant vor. Und hält eine fertig entwickelte App für mobile Endgeräte bereit. Mit ihr kann man einige lustige Dinge mit seinem Auto anstellen. Alan Hall von Ford erklärt wie’s geht.
  3. Dann frage ich mich, ob es nicht doch cooler gewesen wäre, „Was-Mit-Technik“ zu studieren. Na ja, dann zeig ich’s euch halt nur: Cooler Roboter spielt Tischtennis. Über Rivva habe ich davon erfahren.
  4. Und dann noch ein klasse Video via Rivva von einem Künstler zum Tschernobyl von heute.

Viel Spaß damit.

Von Geburt an diskriminiert

Offensichtlich hat es die Evolution so vorgesehen, dass Männer – natürlich männliche Babys – eine besser zusammengesetzte Muttermilch erhalten als ihre weiblichen Konkurrentinnen an der Zitze.

Gestern sah ich einen auf den ersten Blick ansprechenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Verfasst hat ihn Nike Heinen, Wissenschaftsjournalistin (Biochemikerin).

Folgender Satz ließ mich doch etwas schmunzeln:

„Er [Carlito Lebrilla] fand heraus, dass Mütter ihrer Milch ein komplexes Sortiment aus etwa 200 verschiedenen Zuckerketten beimischen.“

Wie habe ich mir das vorzustellen. Die Mutter steht morgens im Bad – schüttelt sich und rüttelt sich – und fertig … ta daa …  Shake à la protéine.

Naja, mir soll’s Recht sein. Ich durfte ja schließlich von den ausgewählten Nährstoffen einer meist gut gefüllten Bar profitieren. Vielen Dank noch einmal auf diesem Weg.

Ich danke meiner Mutter auch dafür, dass sie mit ihrer Milch ermöglichte, dass ich vor Durchfallkrankheiten verschont blieb – zumindest habe ich keine bleibenden Erinnerungen – und mein Immunsystem auch sonst ein sehr stabiles ist.

Meine Mutter sorgte dafür, dass Bifidobacterium long um infanti Nahrung erhielt (es ist ein echter Muttermilchfan und fraß den bösen Durchfallbakterien den Milchzucker weg und sorgte so für meine gesunde Verdauung).

Übrigens: Makaken stressen ihre Kinder per Muttermilch. Was soll das denn heißen? Ganz einfach: Mittels Cortisol (Stresshormon) machen Makakenmamis ihre Jungs aggressiv, damit sie sich später durchsetzen und viele Nachkommen zeugen können.

Ich schließe mich Heinen an: Auch wenn dieser Zusammenhang beim Menschen noch nicht erwiesen ist. Warum sollte es bei uns anders sein?

Ich jedenfalls kenne einige Exemplare, die zu viel Cortisol abgekriegt haben.

Stångsmåla

Heute schwelgen wir ein bisschen in Erinnerungen des fast vergangenen Jahres. Im Folgenden findet sich ein kleiner Auszug aus dem Pfingsturlaub:

Beim Versuch, Haus „Nummer 182“ in Stångsmåla mit der von Google-Maps berechneten Route zu finden, bekommt man schnell Probleme. Glück für den, der sich für die Anreise auf die Wegbeschreibung des Vermieters verlassen hat.

Nach der Fahrt über die kilometerlange Schotterpiste durch dichten schwedischen Wald begrüßt die Gäste Labradorrüde Zac. Ein sehr gut erzogener und freundlicher Hund. Er spielt mit einem Stock. Nein – was er da im Mund hat, ist der Unterschenkel eines Elches, den Zacs Herrchen in der letzten Jagdsaison erlegt hat.

Björn, der Vermieter des Ferienhauses, wohnt gegenüber in einem alten Bauernhof mit seiner Frau und Zac. Stångsmåla besteht aus sechseinhalb Häusern und einem aus großen Steinen gemauerten Brunnen im Schatten der Scheune. Daneben steht das „halbe“ Haus, es beinhaltet die mit Holz beheizte Sauna für maximal vier Personen.

Wem das abendliche Beobachten von Kranichen und Wildschweinen auf der ans Haus grenzenden Wiese als Urlaubsbeschäftigung nicht genügt, kann sich für Tipps an Björn wenden. In der näheren Umgebung – mit dem Auto also innerhalb eines halben Tages erreichbar – gibt es eine Vielzahl von Glashütten, die größtenteils noch traditionell produzieren. Oder man radelt mit den vorhandenen Fahrrädern zu einem der Seen in Björns Wäldern.

Obwohl in jedem Zimmer ein Kachelofen und genug Holz zur Verfügung stehen, sind für die verwöhnten Städter auch Heizkörper, eine Spülmaschine sowie deutsches Satelliten-Fernsehen vorhanden. Auch wer mit einem Holzofen als Herd nicht umgehen kann, darf auf die elektrische Variante ausweichen.

Björns Nachname ist übrigens Källström – macht die Suche auf Google einfacher.

Die Hesse … kaufe‘ ei‘

Es ist Samstagvormittag. Man weiß: Das ist nicht der Zeitpunkt zum Einkaufen – und doch trifft sich die Stadt im Supermarkt.

Besonders unangenehm kann ein solcher Vormittag sein, wenn man auch noch bei feinstem Nieselregen mit dem Fahrrad zum Supermarkt unterwegs ist. Und man zusätzlich mit durch tauenden Schneematsch beträchtlich suboptimal ausgeprägter Traktion des Fahrrads zu kämpfen hat. Aber über das Wetter regt man sich nicht auf (siehe Dalai Lama letzter Artikel).

Wer aber seinen Einkaufswagen mit offenen Augen und Ohren durch die Gänge des Supermarkts schiebt, während er seinen Einkauf zusammenstellt, kann allerhand Unterhaltsames aufschnappen. Da verliert der weibliche Teil eines Pärchens die Orientierung auf der Suche nach dem richtigen Saft oder ein Kunde legt sich mit der Kassiererin an. Kunde und Kassiererin kennen sich. Dennoch führen in hessischem Dialekt geäußerte „Beschimpfungen“ doch zu vereinzelten Irritationen im hinteren Teil der Schlange an der Kasse. Schließlich ist „jetz‘ abe‘ zaggisch, isch will heut‘ no hoim“ wohl kaum gesellschaftlich normierter Smalltalk mit einer Supermarktkassiererin.

Der gebürtige Schwabe schweigt und genießt, ist er sich doch der Eigenheiten deutscher Dialekte bewusst. Außerdem machen das notwendige Übel des Einkaufens und der verregnete Heimweg mit einem Lächeln doch gleich viel mehr Spaß.

Schneechaos und innerer Frieden

Gäbe es ein Wort des Quartals, wäre es im Moment wohl „Schneekatastrophe“ oder „Schneechaos“.

Es ist tragisch, wie uns dieses Wetter lähmt. Deutsche kommen zu spät in die Arbeit, in die Universität, zur Schule. Die Republik der Pünktlichkeit kann sich nicht wehren. Winterreifen sind ausverkauft. Laster stehen auf den Autobahnen quer. Wir frieren. Und kriegen unsere Autotüren morgens nicht mehr auf.

Und all das, obwohl wir vorgesorgt haben. Schon vor Wochen haben die Baumärkte gut an uns verdient. Scheibenkratzer, Frostschutzmittel fürs Auto. Winterreifen, sofern noch welche da waren. Wer noch keine hatte, leistete sich eine Standheizung.

Täglich sind die Weg-Frei-Kratzer ab fünf Uhr auf den Beinen, um die gefühlte Halbmarathonstrecke um ihr Haus mindestens zu 99 Prozent schneefrei zu bekommen.

Die einzige, die wohl wieder einmal nicht mit dem Wetterumschwung gerechnet hatte, ist Die Bahn. Sitzt man erst in seinem Zug – ja, er kam zu spät und man weiß, den Anschluss kann man getrost vergessen – muss man sich fragen: Wo sind die Finnen in ihren Handtüchern? Heizung? Sauna wäre eine bessere Bezeichnung. Zur Abkühlung und Anregung der Durchblutung kann man aber einfach einen Wagon weiter gehen. Hier ist die Heizung gerade ausgefallen. Aber wann beherrscht Die Bahn schon mal ihre Technik.

Doch es gibt eine bessere, schönere – die wahre Seite des Winters. Ruhe und Frieden. Der Schnee schluckt alle Geräusche. Er ist weiß, unschuldig und schmückt alles, auf das er fällt. Sei es die Restmülltonne vor der Haustüre. Er macht aus Kindergartenkindern Schneegnome, die seesterngleich durch den Schnee kugeln. Kinderlachen füllt die Luft. Schneemänner bewachen die Gärten. Väter pflügen liebevoll mit Kinderwagen durch Schneewehen auf Gehwegen. Der kleinste Hügel dient zum Schlittenfahren.

Nach einem anstrengenden Tag in der Arbeit, nach einer odysseegleichen Anreise hatte man es doch noch dorthin geschafft, lässt man den Tag auf dem Weihnachtsmarkt ausklingen. Bei Glühwein, einer Schokofrucht und gebrannten Mandeln schließt einen die glückliche Stimmung ein.

Für alle, die gerne am Wetter rumnörgeln, sei schon einmal in Aussicht gestellt: Bald ist wieder der Sommer da. Klimaanlagen werden ausfallen. Kollabierte Menschen werden aus Zügen getragen werden. Der öffentliche Nahverkehr wird mit dem unverkennbaren Geruch von altem Schweiß durchdrungen sein.

Ich möchte mit den Worten des Dalai Lama schließen: „Even modern medical researchers have come to the conclusion that peace of mind is vital for good health.“ In diesem Sinne lasse ich mich vom Wetter innerlich befrieden. Schneeflocken tanzen vor meinem Fenster.[slideshow]