Digitaler Kindergarten

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis wir den Begriff „Suchmaschine“ nicht mehr verwenden? „Suchen“ und „Finden“ passten schon zum Start dieser Art von Dienstleistung nicht ganz richtig. Denn die Ergebnisse einer „Such“maschine listeten Betreiber-Unternehmen von Anfang an nach eigenen Rangfolge- und Auswahlkriterien. Legitim, denn schließlich finanziert sich die Dienstleistung nicht von alleine. Die immer stärker integrierten sozialen Ströme in den „Such“-Algorithmen könnten aber dazu führen, dass sich Suchmaschinen zu digitalen Sandkästen entwickeln. „Die Kleinen“ sandeln ein bisschen unter Aufsicht und spielen mit Förmchen und Schäufelchen.

Wenn sich Suchmaschinen dem vermeintlichen intellektuellen Niveau des Nutzers anpassen, wird die Gesellschaft verdummen. GeekWire beschreibt ein anderthalb Jahre altes Microsoft-Patent. Die Idee der Entwickler: Rückschlüsse aus den Aktivitäten in sozialen Netzwerken sollen die Suchergebnisse beeinflussen. Aber nicht etwa das Like beim Sportverein oder der Schuhmarke, sondern wie intelligent meine eigenen Äußerungen in sozialen Netzwerken sind. Dümmliche Postings – seichte Suchergebnisse.

Sicher würde ein solches „Bing for Dummies“ manchem Nutzer leicht verständliche Kost auf den Bildschirm liefern. Aber durch was sollen wir uns dann bilden? Wie sollen wir neue Ideen bekommen? Was uns antreibt sind Ideen und Meinungen, die wir nicht verstehen, aber verstehen wollen. Das ist die Motivation am Lernen. Wenn wir Herausforderungen nicht mehr gestellt bekommen, wenn intellektuelle Unterforderung alltäglich wird, wo soll das hinführen? Wo stuft Bing eine Person ein, die auf facebook hauptsächlich Cat-Content verbreitet?

Außerdem setzt die Technik voraus, dass wir grundsätzlich liken, was uns gefällt, dass wir nur verbreiten, was uns interessiert, und dass unser Profil der Wahrheit entspricht.

Für mich hört sich das so an, als müssten wir uns bald auf digitale Breinahrung umstellen. Für Felix von Leitner ist das digitale Elitenbildung. Das freie Netz wird durch solche Entwicklungen jedenfalls nicht größer.

Will man wirklich wissen, wie Google funktioniert, bekommt man tatsächlich die groben Züge erklärt. Doch wie die Selektion funktioniert, bleibt weiter Betriebsgeheimnis. Warum dürfen wir aber nicht wissen, weshalb uns Google was zeigt. Wäre das nicht ein großartiges Erlebnis, wenn neben einem Suchergebnis die Gründe für seine Positionierung erläutert würden? In Ansätzen gibt es das schon, aber wirkliche Transparenz der Gründe für Rangfolge und Auswahl der Suchergebnisse existiert nicht.

Warum sollen sich meine Suchergebnisse überhaupt nach meinen Äußerungen in sozialen Netzwerken richten? Wenn ich Tipps zum Pflanzen von Rosen brauche, möchte ich doch am liebsten auf Inhalte von Gärtnern geschickt werden. Wäre es also nicht viel effektiver, würden soziale Feeds von Spezialisten integriert? Themenspezifisch immer neu sortiert.

Konsequent ist die Vorgehensweise von Suchmaschinenanbietern natürlich. Primär geht es ja auch darum, den Suchenden mit optimal abgestimmten Anzeigen zu versorgen und nicht darum, intelligente Inhalte zu präsentieren. Natürlich balancieren die Suchmaschinenanbieter auf dem Grat zwischen möglichst zufriedenen Anzeigenkunden und möglichst unabhängigen Suchergebnissen. Denn wären die Suchergebnisse nicht zufriedenstellend, würden sich die Nutzer abwenden. Der Werbemarkt bräche zusammen.

Die Frage, die sich der Nutzer mit jeder Suche stellen sollte, ist: Will ich akzeptieren, dass ein Wirtschaftsunternehmen meine Suchergebnisse an den Interessen anderer Wirtschaftsunternehmen orientiert? Es ist dieselbe Frage, die sich im Supermarkt stellt. Bin ich mir bewusst, dass ich als Nutzer mitbestimmen kann? Wir entscheiden, wer die Marktmacht hat. Vor der Kühltheke wie am Suchfenster. Entweder wir schwören einem anderen König die Treue und wechseln die Suchmaschine, wenn uns das Gebaren nicht mehr passt. Oder noch viel besser: Wir rufen die Republik aus und kümmern uns selbst um unsere Links und Informationen.

„Die Zukunft ist 2.0“

Die Zukunft des Web 2.0 hätte eigentlich das Thema der Podiumsdiskussion im Rahmen des Zukunftsforums in der Handwerkskammer Stuttgart sein sollen. Doch die Gäste auf dem Podium – Mario Sixtus (@sixtus) und Peter Glaser (@peterglaser) – sahen sich am Freitag, 18. Februar 2011, mehr mit den Ängsten der Generation meiner Großeltern und somit ihrer eigenen Elterngeneration konfrontiert.

Als Mario Sixtus im Sessel Platz genommen hatte, führte die Diskussion thematisch in die bekannte Richtung dessen, wie die alten Medien mit dem Online-Journalismus umgehen. „Der Schritt von Print zu Online ist für alteingesessene Journalisten der schmerzvollste“, sagte Sixtus. Feedback und Kommentarmöglichkeiten im Netz seien im Online-Journalismus viel massiver in Gebrauch. Das führe dazu, dass sich die Journalisten gekränkt fühlten, wenn sich Spezialisten zu Wort meldeten. Mit Menschen, die sich in einer Thematik besser auskennen würden, könnten viele Verfasser nicht umgehen.

Glaser berichtete von seiner ersten Begegnung mit einem Computer, damals 1979. „Eine Schreibmaschine, mit der ich ins Fernsehen eingreifen konnte“, sagte Glaser. Glaser sagte weiter, dass das Internet der Neunziger „schaufensterhaft“ gewesen sei. Social Software und Networks stellten nun das Interagieren in den Mittelpunkt: „Menschen interessieren sich nicht für Maschinen. Menschen interessieren sich für Menschen.“ Deshalb seien soziale Netzwerke so erfolgreich, die Maschine trete in den Hintergrund.

Sixtus äußerte sich auch zum Blog-Sterben: Empfehlungen und Kurzmeldungen, die früher auf Blogs stattgefunden hätten, verschöben sich auf Twitter und Facebook. Es gebe immer weniger junge Menschen, die Blogs erstellen würden.

Auch die „Gefahren“ von Facebook fanden ihren Weg in die Diskussion. Sixtus: „Ich bin mir bei Facebook auch nicht sicher, ob das jetzt der Weisheit letzter Schluss ist. Dafür gehen die Macher von Facebook eigentlich zu schludrig mit den Bedürfnissen ihrer Nutzer um. Und wurschteln da vor sich hin und verändern mal eben irgendwas und sagen nicht warum und man kriegt es überhaupt nicht mit, warum was jetzt wie wo passiert.“

Sixtus: „Leute in unserem Alter sind im Netz überwiegend passiv unterwegs. Sie nutzen es für Dinge, die sie kennen: Reisen buchen, Banking und Zeitung lesen.“ Er wehrt sich aber dagegen, die Nutzer des Internets in Generationen zu unterteilen.

Die erste Frage aus dem Publikum ging darauf ein, dass die Sprache durch die Kommunikation im Internet verfalle. Peter Glaser sagte: Dadurch, dass man im Netz zumeist mit geschriebener Sprache kommuniziere, würden Schreibschwächen, Schlampigkeit und schlechter Stil offensichtlich. „Das Internet macht Dinge sichtbar, die ohnehin da sind.“

Und schließlich noch, wer hätte es gedacht: Wikileaks. Aus dem Publikum kam die Frage, was Leaks durch Mitarbeiter für mittelständische Unternehmer bedeuten könnten. Mitarbeiter könnten ihre Verträge offen legen und Geheimnisse im Netz ausplaudern. Glaser beantwortete die Frage mit dem allgemeinen neuen Verständnis von Privatsphäre. Er nutzte die Metapher der Telefonzelle: Sie habe sich von einem wirklichen Haus hin zu einem „Kommunikationsmarterpfahl“ entwickelt. Bildhaft sei dafür auch das Führen von Telefongesprächen in der Öffentlichkeit mit dem Mobiltelefon.

Die Befürchtung „ein Honorarspiegel“ könnte durch Leaks von Angestellten entstehen, beantwortete Glaser damit, dass es den bereits für freie Autoren bei der Gewerkschaft gebe. „Das Internet macht die Dinge transparent und durchschaubar, ob‘s uns jetzt gefällt oder nicht.“ Anonymes Ausplaudern von Geheimnissen sei aber, so Glaser, etwas, das es nicht erst seit dem Internet gibt.

Sixtus sagte: „Das ist wie eine Naturgewalt. Auf einmal werden die Daten flüchtig. Da werden wir uns dran gewöhnen müssen. Die einzige Alternative ist eigentlich, das Internet abzuschalten.“ Ich gehe an dieser Stelle davon aus, dass er das nicht als Alternative sieht.

Peter Glaser betonte, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei. Verstoße jemand gegen eine Vereinbarung zur Geheimhaltung, sei das auch im Internet juristisch verfolgbar. Glaser sagte weiter, die großen Tageszeitungen könnten ohne anonyme, geschützte Informanten nicht existieren. Es würden keine Skandale mehr aufgedeckt.

Das ist es wohl auch, was den Menschen noch nicht ganz klar ist: Nur weil kein großer Zeitungsname über einem Blog steht, heißt das ja nicht, dass dort Unwahrheiten berichtet werden.

Nach der Veranstaltung bestand zum Glück die Möglichkeit, mit den anderen Zuhörern in Kontakt zu treten. Was @DerFips und ich in der Diskussion leisteten war Aufklärungsarbeit. Leider nur mit den offen eingestellten Gästen, die nicht völlig geblendet aus Angst vor Veränderung ihre Augen vor dem Web verschließen wollten oder schon verschlossen hatten.