Gabriel, Slomka und die wichtigen Fragen

Wenn Medien diskutieren… Sigmar Gabriel im Interview mit Marietta Slomka. [Der Clip hier auch auf YouTube]

Seit der Ausstrahlung des oben verlinkten Interviews spricht ein Großteil deutscher Medien und Journalisten mal wieder über sich statt über Themen.

Vor welcher Problematik steht die deutsche Bevölkerung? Davor, bald eine marginalisierte Opposition im Parlament vorzufinden, die viele parlamentarische Kontrollwerkzeuge aufgrund der Mehrheitsverhältnisse nicht mehr wird nutzen können.

Welche Fragen stellen sich? Ist dabei die bedeutendste, ob die SPD-Basis einer solchen Regierung zustimmt oder, ob das die SPD-Oberen unter sich ausmachen?

Interessant wäre doch gewesen, was der Sozial-Demokrat Gabriel dazu sagt, dass die parlamentarische Opposition zum Zugucken verdammt sein wird.

Dass zusätzlich auch noch technische Probleme (Latenz) dazu führen, dass sich die beiden ins Wort fallen müssen, hilft der Situation nicht gerade.

Wir brauchen mehr scharfe Interviews und hartnäckiges Nachfragen: aber bitte auch mit den richtigen und wichtigen Fragen. Da stellen sich schließlich einige, wenn SPD und CDU zusammenfinden: Vorratsdatenspeicherung und andere Überwachung aller Bürger, Sozial-, Energie- und Umweltpolitik, …

Gute Arbeit darf gelobt werden – sie muss aber (besonders im Journalismus auf diesem Niveau) gleichzeitig selbstverständlich sein.

Andere Meinungen:
taz – Uli Hannemann – „Paranoid, enttäuscht, hilflos“

Diskussion auf Facebook bei Sandra Müller

Update 2.12.2013, 10:35:

Sandra Müller hat mir daraufhin auf Facebook geantwortet:

Da ist was dran. Aber es verkennt natürlich den Anlass konkret DIESES Interviews.

Es wurde nicht geführt nach der Unterzeichnung des Vertrags und als Interview, das die Inhalte dieses Vertrags erläutert.

Es wurde am Abend des ersten SPD-Termins bei der Partei-Basis vor Ort geführt, um das bundesdeutsche Novum „ein Koalitionspartner lässt seine Parteimitglieder über die Annahme des Vertrags abstimmen“ zu beleuchten.

Man kann das trotzdem für falsch halten. Aber tagesaktueller Journalismus ist natürlich nie/selten allgemeingültig, umfassend, erschöpfend. Und Slomkas Zuspitzung war in jedem Fall gängige journalistische (und weitgehend akzeptierte) Praxis. – Sandra Müller auf Facebook

Meine Replik (Nimmt auch Bezug auf das von Sandra Müller verlinkte Statement Friedrich Küppersbuschs auf radioeins und ist mit beeinflusst durch die Diskussion heute Morgen in der Kommunikations-Wissenschafts-Vorlesung bei Klaus-Dieter Altmeppen.):

Aber worüber diskutieren wir dann? Über eine Journalistin, die ihren Beruf ausübt? Es ist doch genau, wie Küppersbusch sagt: a) Grund-Regeln für Interviews, daher b) erstaunlich ist das Interview nicht, sondern c) journalistisches Handwerk. Welches aber wohl dennoch so selten vorkommt, dass es auffällt.

Sicher, der Aufhänger war dir SPD-Basis-Veranstaltung, aber was bleibt dann inhaltlich? Gabriel sieht keine verfassungsrechtlichen Probleme. Und da habe ich ja schon kommentiert, hätte es andere Themen und Anknüpfungspunkte: „Vom Florett zum Degen“ ist ja genau das: 7 Minuten trägt die Verfassungsproblematik nicht.

Es bleiben dann nur noch die medienpolitischen Fragen, um die es ja eigentlich ursprünglich auch nicht ging. Nämlich: Warum kann ein Politiker keine kritischen Fragen ertragen und reagiert unprofessionell? Aber dann müssten wir hier wohl mindestens so viel über Seehofer wie Gabriel diskutieren. Denn der überschreitet ja ganz eindeutig seine Kompetenzen in diesem Fall. – ich auf Facebook

kurze Durchsage: Fußball-Europameisterschaft der Frauen

Berichterstattung zu vielen Themen scheint sich zu drehen, sobald wichtige Akteure und Figuren Frauen sind. Woran liegt es, dass Medienschaffende gedanklich in die 50er rutschen – egal, ob Politik, Kultur oder eben Sport Thema sind?

Warum werden solche Werbespots gedreht? Sagen die Mitarbeiterinnen dazu nichts? Werden sie so unterdrückt, dass ihre Stimmen verhallen?

Seit fast dreißig Jahren findet die Frauenfußball-EM statt, da hätten auch die verkrustetsten Machos sich mal dran gewöhnen können.

Getoppt wird das allerdings von dieser Bildergalerie bei SWR3 (Der Beitrag wurde unter dem Namen einer Redakteurin veröffentlicht, was allerdings nicht heißen muss, dass die Bildunterschriften von ihr sind). Ich frage mich, warum kaum Kritik entsteht? Vor allem bei Sprüchen wie

Simone ist ne heiße Braut. Nicht nur weil sie gerne Motorrad fährt… Sie sieht einfach klasse aus…

…und erst dieser Körper… haaarrrrrrr…. ABER!…

…ein ungünstiger Schnappschuss kann aus der schönen Simone auch mal sowas hier machen!

Da passt das hier sehr gut. Denn mir kommen beim Obenstehenden auch die Tränen:

kurze Durchsage: Nazi-Propaganda in einer Doku, Pressefreiheit und Facebook hautnah

Hinter dieser vielversprechenden Überschrift stecken auch drei entsprechende Links:

Stefan Niggemeier fasst eine journalistische Fehlleistung von 3sat und dem ZDF auf dem BILDblog zusammen, die … auf „Die Achse des Guten“. Die Sender hatten Propaganda-Material als zeitgeschichtliche Dokumente in ihrer Dokumentation über das jüdische Leben in Warschau präsentiert. Steigerung der Fehlleistung war allerdings: 3sat hatte vor der Ausstrahlung des Propaganda-Films in einer anderen Dokumentation genau darüber berichtet, wie dieser entstanden war:

Mehr Informationen und die vollständige Doku über den Propaganda-Film der Nazis gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung.


Klaus Meier beschäftigt sich auf dem Blog zu seinem Standardwerk Journalistik mit der Frage, wie statistisch belegbar eine Korrelation zwischen Vertrauen der Bevölkerung eines Landes in die Medien und der Pressefreiheit des jeweiligen Landes ist. Er kommt zu dem Schluss:

In einem Land mit starker Kommunikationsfreiheit ist grundsätzlich bei der Bevölkerung ein geringes Vertrauen in den Journalismus zu erwarten.

Umgekehrt formuliert: In Ländern mit nicht vorhandener Pressefreiheit vertraut die Bevölkerung beinahe blind den Medien. Jan Müller schreibt dazu in seiner Dissertation:

[…] levels of trust in institutions in democratic and authoritarian countries are rarely compared. However, such a comparison might be instructive because levels of trust in the news media are often higher in authoritarian countries[…].

Da das jetzt alles recht intellektuell war, hier noch Intellektuelles mit Witz:

Woche eins beim Zweiten Deutschen Fernsehen

Die Woche

Montag 9.45 Uhr, mein Praktikum beim ZDF begann an der Pforte mit dem Tagesausweis und führte zuerst in die Abteilung Aus- und Fortbildung. Um 10 Uhr ging es mit der Einführung los, dann kurz vor dem Mittagessen weiter in die Redaktion. Jeder Praktikant hatte ein kleines Post-It auf seinen Unterlagen, auf dem der jeweilige Arbeitsplatz für die nächsten Wochen vermerkt war. Also: Ab in den fünften Stock des Hochhauses zum… Fernsehspiel. Nein, hier war was falsch, ich war nicht der richtige Praktikant für diese Redaktion. Machte aber nichts (übrigens auch sehr nette Kolleginnen dort!) Schnell klärte sich am Telefon, dass ich da wohl versehentlich ein falsches Post-It auf meinen Unterlagen hatte.

Zwei Stockwerke tiefer sah es schon viel besser aus: Hier war ich richtig – angekommen beim „Team Lustig“ – verantwortlich für Shows wie „Leute, Leute!“, „Neues aus der Anstalt“, „Pelzig hält sich“ und die „heute-show“. Nach dem Mittagessen ging es durchs Stockwerk, zu den Kollegen von „Wetten, dass..?“, all den anderen Shows und schließlich über die Onliner wieder zurück ins eigene Büro, an dem ich fast vorbeigelaufen wäre, nachdem ich in der Runde durchs Stockwerk leicht die Orientierung verloren hatte.

Anschließend aber ans Werk: Clips sichten, die es möglicherweise in die nächste „heute-show“ schaffen könnten.

Dienstag ging es dann neben den Clips um Zuschauerpost, die beim ZDF erstens ernst genommen und zweitens mit viel Liebe beantwortet wird. Keine ganz leichte Aufgabe, aber am Mittwoch und Donnerstag lief auch das schon recht gut.

Am Mittwoch durfte ich an einer Führung durch die Studios im Sendebetriebsgebäude teilnehmen und konnte im Fernsehgarten Sonne tanken.

Donnerstag stand der erste große Wahlkampfsauftritt von Peer und Angela auf dem morgendlichen Programm: Bundestag live… und wie ihr wisst, fand sich davon einiges in der Show am Freitag. Wie hätten wir das auch „unterschlogen“ können. Außerdem habe ich Polit-Sendungen nach möglichen für die „heute-show“ interessanten Clips durchgesehen.

Die Aufzeichnung

Höhepunkt der ersten Woche war mein Freitag in Köln bei der Aufzeichnung der „heute-show“. Dort angekommen, konnten wir die Proben für den Abend miterleben. Auch, wenn mir vorher größtenteils klar war, wie eine solche Sendung produziert wird, macht es doch einen Unterschied, es wirklich zu erleben. Stephan Denzer, mein Chef und „Erfinder der „heute-show““ (Filmakademie Baden-Württemberg), führte meine Praktikantenkollegin und mich durch die Studios in der Schanzenstraße und erklärte uns die Technik: ein weiteres, schönes Extra des Tages.

Satire ist übrigens immer noch (ein bisschen) Theater. Kulissenumbau und Proben gehören dazu wie Aberglaube und Bräuche, die für die nötige Sicherheit sorgen. Auch bei Oliver Welke, dem abgebrühten Anchorman der „heute-show“. Details kann ich leider nicht verraten: Aberglaube und so…

Schön, Alexander Schubert ungegelt beim Proben seiner Rolle des Albrecht Humboldt zu beobachten und zu sehen, wie sich die Protagonisten vor der Show noch Tipps für ihre Auftritte geben und bis zum Schluss an den Details gefeilt wird: Zum Beispiel Claus von Wagners französischen Grüßen. Christine Prayon machte mir in der Probe fast noch mehr Freude als in der Show selbst.

Abends dann die Aufzeichnung: Die Tribüne füllt sich mit 200 Gästen, wir sitzen in der Regie. Das Publikum wird auf die Sendung eingestimmt. Dann: Auftritt Oliver Welke, der nochmal das Publikum auf die folgende halbe Stunde vorbereitet und mit einem Mini-Stand-Up-Programm für die richtige Stimmung im Studio sorgt. Schon geht es los. Ab jetzt hält sich alles an den Ablaufplan: Ton, Bild, Regie. Im „Kontrollraum“ werden die Einspieler eingezählt, Schwenks und Kameras zugeteilt, die Sendung komponiert.

Es sind eben nicht nur Oliver Welke und die anderen Schauspieler, sondern mit ihnen auch das ganze Team, das fürs Gelingen verantwortlich ist. Requisiten, Kulissen, Regie, Bild, Ton, Redaktion und, und, und…

Es war toll, vielleicht klappt’s in den nächsten sechs Wochen nochmal.

Gute Reise

Meine Heimreise aus Köln möchte ich hier in einem eigenen Kapitel schildern. Sie begann um kurz nach 21 Uhr in Köln-Mülheim. Eine laue Sommernacht klanglich durchbrochen von Sirenengeheul und geruchlich durch die Bierlache auf dem Boden der U-Bahn, die im Rhythmus der Haltestellen langsam hin und her schwappte. Am Hauptbahnhof erreichte ich in vollem Sprint das Gleis, um dort zu erfahren, dass sich der ICE um eine Viertelstunde verspäten würde.

Oh, wäre es doch nur bei dieser Viertelstunde geblieben. Immer wieder die Bahn-Website befragend, erfuhr ich von immer interessanteren „schnellsten“ Verbindungen. Und so führte mich meine Reise im ICE nach Frankfurt, dann im IC nach Mainz. Dies war auch für den Schaffner von Frankfurt nach Mainz derart irritierend, dass er mich doch glatt fragte: „Ham Sie auch noch ’nen and’ren Fahrschein?“ Worauf ich ihm entgegnen musste, dass ich nicht unbedingt freiwillig diese extravagante Route gewählt hatte.

Von Mainz aus ging es dann nur noch mit dem Auto nach Darmstadt, was in nicht mal 20 Minuten erledigt war. Nun: Es gibt effizientere Wege von Köln nach Darmstadt. Doch hatte ich ja eigentlich mit einer schnellen Verbindung gerechnet und war, mein Wochenendgepäck zurücklassend, nur mit leichtem Gepäck nach Köln gereist. So war ich gezwungen im Zickzackkurs mal aufs Ziel zu, mal vom Ziel weg zu reisen.

Weltenbummler wider Willen, kam ich nach fast fünf Stunden daheim an. Morgens hatte ich die Strecke als Mitfahrer im Auto in weniger als der Hälfte der Zeit absolviert. Die Bahn macht eben mobil. Nur nicht immer zielgerichtet.